Roanald Reng am 4. Juni im ZDF-Mittagsmagazin, im Gespräch mit Moderatorin Mirjam Meinhardt.

Ein so informatives wie zuweilen heiteres Kapitel aus Ronnie Rengs aktuellem Bestseller rund um die WM 2006: „DER DEUTSCHE SOMMER“. Eine wunderbar erzählte und präzise recherchierte Erinnerung an den Sommer vor 20 Jahren, als in Deutschland die Leichtigkeit einzog und die Welt das Land der Teutonen plötzlich anders wahrnahm als zuvor.  

Worum geht`s in diesem Kapitel? Um Klinsmanns strategische Geheimniskrämerei um die Nominierung David Odonkors, die schließlich dazu führte, dass ein Pappkamerad fehlte. Und dazu, dass Odonkor im Training während der WM immer wieder einen Satz heiße Ohren verpasst bekam, weil er kein Brasilianer war. 

Das lauteste Tor der deutschen Fußballgeschichte

Das Kapitel:

Heiße Ohren

Viele Deutsche redeten immer wieder über das Tor gegen Polen, und wenige erwähnten dabei den Torschützen. Alle sprachen vom Flankengeber.

»Das 1:0 gegen Polen – das war doch die Sache mit Odonkor, oder?«, so blieb der Moment nicht nur dem heutigen Bundestrainer Julian Nagelsmann in Erinnerung.

Unvergessliche Tore sind in der Regel fest mit ihrem Schützen verbunden. Ganz selten, wenn einem Treffer ein Geistesblitz vorausging, wurde ein Tor wegen seiner Vorlage zum Mythos. Kaum jemand kann zum Beispiel noch sagen, wer 2019 im Champions-League-Halbfinale das 4:0 für Liverpool gegen Barcelona schoss, aber wohl die meisten Fußballfans wissen noch, das war doch das mit dem Eckball, oder? Als Liverpools Eckballschütze Jordan Henderson mit der Vorbereitung beschäftigt war, überrumpelte sein Kollege Trent Alexander-Arnold Barcelonas Abwehr genauso wie den eigenen Kapitän Henderson, indem er kurzerhand den Eckball selbst ausführte.

Aber Odonkors Flanke war nicht so ungewöhnlich gewesen. Es handelte sich unbestritten um eine wunderbare Hereingabe, doch es blieb eine Flanke; ein alltägliches Element des Spiels. Das Unglaubliche in diesem Fall war David Odonkor selbst. Er personifizierte das Magische bei jenem Tor. Unter allen Fußballtrainern der Welt und unter 82,4 Millionen Deutschen wären nicht allzu viele auf die Idee gekommen, ihn für die Weltmeisterschaft zu nominieren, möglicherweise kam es sogar nur einem einzigen Menschen in den Sinn. Und das war Jürgen Klinsmann.

Am 28. Januar 2006 hatte sich Jürgen Klinsmann mit seinem Assistenten Joachim Löw das Spiel Borussia Dortmund gegen den VfL Wolfsburg angesehen, der Achte gegen den Vierzehnten der Bundesliga, Alltagsfußball, aber das war die Realität, in der er sich bewegte. In den Spitzenteams fand ein Bundestrainer nicht mehr genügend deutsche WM-Kandidaten.

»Jogi, siehst du, was ich sehe?«, fragte Jürgen Klinsmann seinen Assistenztrainer bei Dortmunds 3:2-Sieg.

Gesehen hatte Joachim Löw den Dortmunder Außenstürmer David Odonkor durchaus, aber hatte er auch genug gesehen, um zu verstehen, worauf sein Chef hinauswollte? Joachim Löw antwortete wohl ausweichend, irgendetwas wie: »Ja, ein paar gute Szenen hatte der schon«.

Der Kicker gab Odonkor in dem Spiel die Schulnote 3.

»Es geht nicht darum, ob er gut gespielt hat«, sagte Klinsmann zu Löw. »Der ist vor allem schnell!«

David Odonkor brachte ein Fußballstadion zum Raunen mit seiner Schnelligkeit. Es sah oft unrealistisch leicht aus, wie er auf dem rechten Flügel den gegnerischen Außenverteidiger überrannte. Auf zwölf, fünfzehn Metern erlief er sich ohne Weiteres einen Meter Vorsprung.

Das Raunen erstarb allerdings sehr oft in einem Grummeln. David Odonkors Flanken kamen zu hoch, zu weit, zu tief geflogen. Regelmäßig legte er sich bei seinen Sturmläufen den Ball zu weit vor, dann schlitterte er mit Anlauf über den Rasen, um den Ball vor einem Gegner doch noch flanken zu können; er grätschte beim Flanken. Niemand machte das. »Schnellläufer mit Verzweiflungsflanke«, charakterisierte ihn die FAZ.

Da er die Gegner mit Leichtigkeit abhängte, kam er allerdings zu so vielen Flanken, dass immer wieder ein paar ordentliche darunter waren. Fünf Tore hatte Odonkor in der Bundesligasaison 2005/06 vorbereitet, ein feiner Wert. Er hatte dafür 229 Flanken geschlagen, doppelt so viele wie der zweitfleißigste Flankengeber der Liga. »Den behalten wir in der Hinterhand«, sagte Jürgen Klinsmann am 28. Januar 2006 zu Joachim Löw.

In seinem Drang zu lernen hatte Jürgen Klinsmann während seiner Orientierungsjahre nach der Spielerkarriere auch viele Trainer anderer Sportarten aufgesucht. Er ließ sich vom legendären Basketballtrainer Phil Jackson zeigen, mit welcher Methodik dieser die NBA-Spiele seiner LA Lakers analysierte. »Ich habe bei Billy Beane vorbeigeschaut, als er mit den Oakland A’s zur Vorbereitung in Phoenix weilte, und mir erklären lassen, nach welchen Kriterien er als Baseballtrainer Daten von Spielern auswertet.« Im Gespräch mit Pete Carroll von den USC Trojans lernte er, welche Rolle Spezialisten im American Football spielen. Es gab Footballprofis, die nur für einzelne Spielsituationen, im Grunde für eine einzige Aktion, ausgebildet wurden, wie der Kickoff Specialist, der allein den langen, weiten Kick beim Anstoß ausführte und dann, bis zum nächsten Kickoff, wieder vom Feld genommen wurde. Eine einzige Aktion konnte ein Spiel entscheiden. Ein Spieler, der nur eine Sache wirklich beherrschte, aber diese überragend, konnte einer Mannschaft diesen ausschlaggebenden Impuls geben.

Lange bevor Jürgen Klinsmann die dreiundzwanzig Auserwählten für die WM 2006 nominierte, dachte er über Kriterien für die Kaderzusammenstellung nach. Die Ersatzspieler sollten ihm nicht nur wie üblich personelle Optionen geben, sondern die Mannschaft auch für diverse Disruptionen im Spiel rüsten. Was passierte zum Beispiel, wenn sie wegen einer Roten Karte schlagartig zu zehnt spielen mussten? Hatte er dann Spieler auf der Ersatzbank, die ihnen bei der Umstellung auf Konterfußball halfen? Oder welche Alternative gab es, wenn ihr Spiel gegen einen defensiven Gegner festgefahren war? Dann, in dieser sehr speziellen Spielsituation, könnte David Odonkor mit seiner Schnelligkeit jedes gegnerische Bollwerk zum Wackeln bringen.

Bevor er David Odonkor ins Auge fasste, hatte Jürgen Klinsmann bereits einige junge Spieler in der Nationalelf beharrlich über anderthalb Jahre an die Weltmeisterschaft herangeführt, auch wenn sie im Verein beliebig oder gar nicht spielten, Per Mertesacker, Robert Huth oder Thomas Hitzlsperger etwa. Ein Prinzip aus der Betriebswirtschaft hatte Jürgen Klinsmann bestärkt, an Spielern trotz aller Formschwankungen festzuhalten, wenn er von ihnen überzeugt war. Sein Geschäftspartner bei Soccer Solutions, Mick Hoban, hatte ihm die Unternehmerweisheit nahegebracht. »Keep the end in mind«, sagt Jürgen Klinsmann. »Bestimme zunächst, wo du am Ende hinwillst, wenn du ein Projekt angehst, und überlege dir dann, was es braucht, um an dieses Ziel zu kommen.« Wenn er überzeugt war, dass Per Mertesacker in zwei Jahren bei der WM 2006 der beste Innenverteidiger für die angedachte Spielweise sein konnte, dann musste er ihm lange vorher die Zeit und die Spiele zum Reifen geben.

Im September 2005 war Per Mertesacker etwas verwirrt, wie weit die vorausschauende Fürsorge des Bundestrainers ging. Jürgen Klinsmann hatte Pers Eltern angerufen. Er lud Bärbel und Stefan Mertesacker vor dem Länderspiel gegen Südafrika in Bremen auf einen Kaffee ein. »Häh? Was will er mit meinen Eltern reden?«, habe er zunächst gedacht, erzählt Per Mertesacker: »Ich bin doch schon volljährig!« Als ihm seine Eltern dann berichteten, was der Bundestrainer mit ihnen besprochen hatte, hielt Per Mertesacker es allerdings »für eine der bemerkenswertesten Aktionen eines Trainers, die ich je erlebt habe«.

Jürgen Klinsmann wollte auch die Eltern nervlich auf die Ausnahmesituation Weltmeisterschaft vorbereiten. Mit Lukas Podolskis Eltern sprach er ebenfalls. Teammanager Oliver Bierhoff hatte die Idee dazu gehabt. Zwanzigjährige Jungs spielten besser ohne eine Familie im Nacken, die ihre eigene nervliche Anspannung wegen dieser WM auf den Sohn abluden. »Keep the end in mind«, wiederholt Jürgen Klinsmann. »Das hatte ich immer im Hinterkopf.«

Vom Ende her gedacht plante Jürgen Klinsmann im Januar 2006 einen einmaligen Weg für David Odonkor zur Weltmeisterschaft: Er würde Odonkor vorher nie für Spiele der Nationalelf nominieren. »Wenn wir ihn in einem Testspiel zwei, drei Monate vor der WM sein Debüt schenken, hat er plötzlich einen enormen Druck«, sagt Jürgen Klinsmann, »weil dann alle um ihn herum verrücktspielen: ›Boah, du kannst zur WM, vielleicht schaffst du es zur WM!‹ Stell dir mal sein Umfeld und die Medien vor, was sich da die zwei, drei Monate vor der WM abspielt.«

Jürgen Klinsmann musste David Odonkor auch nicht testen, denn er wusste, was er von ihm bekam: Sprints und Flanken. »So haben wir gesagt, lass den Jungen in Ruhe, und ihn weiter heimlich beobachtet.«

Die Geheimniskrämerei nahm interessante Formen an, beobachtete der Torwarttrainer der Nationalelf, Andreas Köpke. Wenn sich das Trainerteam zu Videokonferenzen zusammenschloss, »hat niemand den Namen Odonkor ausgesprochen, selbst wenn wir über ihn geredet haben«. Da wurde bloß allgemein die Notwendigkeit erwähnt, Schnelligkeit von der Ersatzbank ins Spiel bringen zu können, oder von dem, ihr wisst schon, wen ich meine gesprochen. »Wir hatten es so verinnerlicht, die Idee mit Odonkor geheim zu halten, dass wir den Namen nicht mal erwähnten, obwohl wir nur unter uns waren«, sagt Andi Köpke.

Videokonferenzen kannte man beim DFB noch nicht, bis man mit einem Bundestrainer in Huntington Beach, Kalifornien, kommunizieren musste. Er benutze in Amerika einen Anbieter, Polycom, der ermögliche Videogespräche vom Laptop aus, erklärte Jürgen Klinsmann, »probiert es doch mal mit dem«. Der Videoanruf schien technologisch in Deutschland 2006 aber noch nicht ganz so reibungslos wie in Kalifornien zu funktionieren. »Die Nachbarn haben sich gewundert: ›Warum wird denn beim Köpke die Straße aufgerissen?‹«, erzählt Torwarttrainer Andi Köpke. Es mussten extra Glasfaserkabel für die Videoinstallation verlegt werden.

Am 15. Mai 2006 hatte Jürgen Klinsmann mit seiner Geheimaktion »Odonkor« ohne böse Absicht die Marketingabteilung des DFB schachmatt gesetzt. Deren Mitarbeiter hatten sich für die Bekanntgabe des WM-Aufgebots ein spezielles Bühnenbild einfallen lassen. Jürgen Klinsmann sollte im Berliner Olympiastadion an den lebensgroßen Pappfiguren aller dreiundzwanzig nominierten Spieler vorbei zum Podium gehen. Die Fernsehteams würden sich über die ungewöhnlichen und aussagekräftigen Bilder freuen. Doch nun fehlte ein nominierter Spieler unter den Pappkameraden. Dass David Odonkor ins WM-Team gelangte, hatte sich in der Marketingabteilung niemand vorstellen können. Die Geheimhaltung hatte zu gut funktioniert.

Die Süddeutsche Zeitung fasste die allgemeine Perplexität so zusammen: »1. April, äh, 15. Mai 2006: Wer is’n das? Gestatten, Odonkor.«

Da Jürgen Klinsmann und sein Trainerteam es zielgerichtet sogar geschafft hatten, die WM-Nominierung von David Odonkor bis zur Verkündung geheim zu halten, mussten sie es nur noch ihm selbst sagen. »Ich dachte: Wenn ich ihn aus dem Nichts anrufe, fällt er vor Schreck um«, sagt Jürgen Klinsmann. Er beauftragte den Juniorennationaltrainer Dieter Eilts, Odonkor am Morgen des Nominierungstags vorzuwarnen, dass der Bundestrainer mit ihm sprechen wolle. Odonkor spielte im dritten Jahr bei Eilts in der U21-Auswahl.

Dieter Eilts gab sich keine Mühe, Freundlichkeit in seine brummige Stimme zu legen. »Es tut mir leid«, sagte er zu David am Telefon, »aber ich werde dich nicht zur U21-Europameisterschaft nach Portugal mitnehmen können.«

Was?! David Odonkor traf es wie ein Schlag. Die Junioren-EM begann am 28. Mai, er war fest davon ausgegangen, dabei zu sein. Aber warum? Warum war er nicht dabei?

»Du fährst zur WM«, sagte Dieter Eilts, ein Freund des ganz trockenen hanseatischen Humors. »Jürgen Klinsmann ruft dich gleich noch selbst an.«[i]

Beim Training im Weltmeisterschaftsquartier in Berlin war David Odonkor mittlerweile mittendrin. Er mischte in der Gruppe mit, die sich immer kurz vor Trainingsbeginn aus purer Freude am Fußball mit einem Spiel namens Brasilianer vergnügte. Die Regeln gingen so: Man spielte sich den Ball hoch zu, höchstens zwei Ballkontakte waren erlaubt, wem der Ball auf den Boden fiel, der hatte verloren. Wer zweimal verlor, bekam heiße Ohren. Das hieß, die anderen rieben ihm über die Ohren, bis diese brannten. Thomas Hitzlsperger gehörte zu der Brasilianer-Gruppe, Gerald Asamoah, Lukas Podolski sowie zwei, drei andere. David Odonkor war mittendrin und wirkte gleichzeitig wie zugelaufen. Er bekam regelmäßig heiße Ohren. Seine Balltechnik fiel unter Nationalspielern ab.

In der Bundesligasaison hatte er im Durchschnitt sechsundvierzig Flanken für eine Torvorlage gebraucht. In der Nationalmannschaft war er gegen Polen gerade zum dritten Mal in seinem Leben eingewechselt worden und schlug die eine, perfekte Flanke, wegen der er und so viele Deutsche vor Freude heiße Ohren bekamen.

In der Erinnerung lebt das 1:0 gegen Polen bis heute umgangssprachlich als Odonkors Tor, obwohl er es gar nicht geschossen hat.

Video

Odonkors Abschiedsspiel: 2018 wie 2006 - Odonkor mit Traum-Assist für Neuville

Bei seinem Abschiedsspiel bedient David Odonkor Oliver Neuville
Im Vorrundenspiel der WM 2006 gegen Polen legte Odonkor seinem Kollegen Oliver Neuville den Siegtreffer auf. Bei seinem Abschiedsspiel kopiert der Ex-Nationalspieler die Aktion.