
So wenig Daten die Magie eines Fußballspiels beschreiben können, so wenig können Zahlen ein leidenschaftliches Leben erklären. Es sei denn, es ist das von Hartmut Scherzer. Autor Uli Dost porträtiert einen der außergewöhnlichsten deutschen Sportjournalisten. Einen Mann, der mit dem Anpfiff des WM-Eröffnungsspiels in Mexiko-Stadt einen Weltrekord brechen wird und wenige Tage später Geburtstag feiert. Seinen 88, in Houston.
Mein Handy klingelt. Auf dem Display erscheint der Name Scherzer. Ich gehe umgehend ran, vernehme seine vertraute Stimme: „Hartmut hier. So, mein Freund, ich habe meine organisatorischen Vorbereitungen für die Weltmeisterschaft abgeschlossen. Flüge, Züge, Busse, Auto und Hotel. Von mir aus kann es losgehen. Ich starte am 11. Juni in Mexiko City.“ Ich sage spontan: „Hartmut, du bist und bleibst ein Wahnsinniger. Dann mal eine tolle Reise.“ Vor meinem geistigen Auge sehe ich ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht huschen. Wie ich es schon so oft real gesehen habe. Komplimente dieser Art hört er gerne.
An diesem Dialog zweier ehemaliger Kollegen unmittelbar vor einem sportlichen Top-Ereignis erscheint zunächst nichts Ungewöhnliches. Außergewöhnlich allerdings ist der Fakt, dass Hartmut Scherzer auch das kommende Turnier wieder als aktiver Reporter bestreiten wird und in Houston, einen Tag vor dem deutschen Spiel gegen Curaçao, 88 Jahre alt werden wird. Dann hat er bereits einen Weltrekord gebrochen. Hartmut Scherzer ist der erste Journalist, der zum 17. Mal als akkreditierter Sportjournalist von einer Weltmeisterschaft berichtet.
Bevor er die Reise eigenhändig organisieren und antreten konnte, musste er eine Bedingung seiner Familie erfüllen: einen Medizincheck. Den er problemlos bestand. Die Ärzte gaben grünes Licht. Körper und Geist befinden sich im Einklang, Hartmut ist fit wie der sprichwörtliche Turnschuh.

Würde Hartmut auf einer Weltkugel jeden von ihm bereisten Ort mit einem Fähnchen versehen, die Kugel gliche einem Igel. Denn er so ziemlich jeden Ort auf diesem Planeten bereits besucht. Nehmen wir nur seine Weltmeisterschaften. Die erste fand 1962 statt, in Chile. Es folgten England, Mexiko, Deutschland, Argentinien, Spanien, wieder Mexiko, Italien, USA, Frankreich, Japan/Südkorea, wieder Deutschland, Südafrika, Brasilien, Russland, Katar und jetzt eben USA/Mexiko/Kanada. Dabei können wir es nicht belassen. Er begleitete 21 Olympische Spiele als Journalist und (im Auto) mehr als 30 Rundfahrten der Tour de France. Kaum zu zählen sind seine Reisen zu den großen Boxkämpfen in aller Welt. Keine Statistik erfasst seine Erlebnisse mit seinem Lieblingsklub Eintracht Frankfurt, den er seit über 60 Jahren als Journalist verfolgt. Auch heute noch, na klar.
Von links: Mit Dietrich Thurau; mit Pelé; mit Max Schmeling; mit Karl Schranz; mit den Klitschko-Riesen.
Das permanente Herumreisen blieb nicht ohne Nachteile: Er kann an den Fingern einer Hand abzählen, wann er seinen Geburtstag im Kreise seiner Familie gefeiert hat. Zu seinem 80. lud er seine Frau (sie wurde am nächsten Tag 79, am Eröffnungstag der WM 2018) nach Moskau ein; gefeiert wurde mit einem Dutzend Kollegen im Café Puschkin. Zum runden Geburtstag überreichte ihm Bundestrainer Löw ein DFB-Trikot mit der Zahl 80 und dem Namen Scherzer auf der Rückseite.

Am 13. Juni also wird er in Houston 88. Warum tut er sich die Tortur einer WM in diesem Alter noch einmal an? „Es ist für mich wie eine Zeitreise“, sagt er. Vor allem will er sich beweisen, dass er diese Herausforderung immer noch bewältigen kann: „Bringe ich die Leistung noch, bin ich dem Druck gewachsen? Bin ich immer noch fähig, so zu arbeiten, so zu schreiben wie früher? Halte ich den Stress aus?“ An zweiter Stelle geht es um einen besonderen Spielort. Im Azteken Stadion in Mexiko City saß er 1970 auf der Pressetribüne beim Jahrhundertspiel Deutschland gegen Italien (3:4). Er sah, wie sich Franz Beckenbauer nach einer Schulterverletzung mi dem Arm in einer Schlinge gegen die Niederlage stemmte. Den Applaus der über 200 internationalen Journalisten im Presseraum für die deutsche Mannschaft hat er heute noch in den Ohren.
Auch die Erinnerungen an 1986 im selben Stadion sind noch wach. Der Journalist sieht noch heute vor sich, wie Toni Schumacher nach 20 Minuten die erste Flanke unterlief und das 0:1 verursachte; der Kölner Torwart hatte bis dahin nicht eingreifen können und wollte endlich mal einen Ball in den Händen halten. Vor dem erneuerten Azteken Stadion brachten die Mexikaner inzwischen drei Erinnerungstafeln an: Je eine für Brasilien (1970) und Argentinien (1986), die dort Weltmeister wurden. Eine dritte für das Jahrhundertspiel Deutschland - Italien. Auch die Statuen will Hartmut Scherzer mit eigenen Augen sehen. Und natürlich fotografieren. Auch diese Leidenschaft prägte fast sein gesamtes Leben und trug dazu bei, dass die FAZ ihn als einen „der Großen des Sportjournalismus“ würdigte.
Für Klein-Hartmut begann alles im zarten Alter von zwölf Jahren: „Ich war schon früh eine Sammler-Natur.“ Und ein Jäger nach Autogrammkarten. Andere Kinder wollten Lokomotivführer werden oder Pilot; Hartmut suchte die Nähe zu den Größen der Sportwelt. Die Frankfurter Journalisten unterstützen ihn früh und nannten ihn „den König der Autogrammsammler“. So wuchs sein Wunsch, Sportjournalist zu werden. 1959 drohte ein temporäres Hindernis: die Einberufung zur Bundeswehr, zu den Panzergrenadieren nach Marburg. Dank der Beziehungen seiner Journalisten-Freunde musste er den Bundeswehrdienst nicht antreten. Scherzer: „Ich weiß nicht, was sonst aus mir geworden wäre. Ich hatte keinen Plan“

Über die amerikanische Nachrichtenagentur UPI landete Hartmut schließlich als Sportchef bei der Abendpost/Nachtausgabe in Frankfurt. Das Jahr 1988 wurde für ihn zum Schicksalsjahr. Im November verstarb sein bester Freund Ulfert Schröder, einer der renommiertesten deutschen Sportjournalisten, unerwartet mit nur 54 Jahren. Am 12. Dezember erfolgte der nächste Tiefschlag: Von einem Tag auf den anderen stellte die Abendsport/Nachtausgabe ihr Erscheinen ein. Der Sportchef war arbeitslos. Die Frau seines verstorbenen Freundes wusste Rat: „Übernimm doch Ulferts Bauchladen, ich helfe dir dabei.“ Als Freier Journalist hatte Schröder für alle einflussreichen Tageszeitungen und Magazine geschrieben. Hartmut traute es sich zunächst nicht zu, in die großen Fußstapfen seines Freundes zu treten: „Es belastet mich noch heute, dass meine Karriere quasi unmittelbar mit dem Tod meines besten Freundes verbunden ist.“
Der Schritt hatte Konsequenzen. Nun war Hartmut Einzelkämpfer ohne finanzielle Absicherung; ohne Aussicht auf eine Rente, wie sie den angestellten Kollegen sicher war. Heute lässt sich sagen: Er hat die Fußstapfen seines Freundes meisterhaft ausgefüllt. Der Preis dafür: ein Leben auf der Überholspur, mit dem Fuß auf dem Gaspedal.
Eine Faustregel galt für ihn von Beginn an: Journalismus endet nicht, wenn Freundschaft beginnt. Nähe und Kritik schließen sich nicht aus. Deshalb konnte er mit der Definition des berühmten Kollegen Hanns Joachim Friedrichs nichts anfangen: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“ Scherzers Credo lautete: Wer enge Kontakte zu Sportstars pflegt, entwickelt zwangsläufig Sympathien und Antipathien. Das will in der Bewertung berücksichtigt werden. In den vielen Jahrzehnten sei er enttäuscht und getäuscht worden, auch belogen und betrogen. Doch die positiven Begegnungen überwogen deutlich. Stars seien deutlich in der Mehrheit gewesen: „Und ich lasse diese Menschen, die ich seit 50 Jahren begleite, nicht fallen. Auch wenn sie Fehler machen, verdamme ich sie nicht. Sie sind keine Verbrecher.“
Warum darf ich meinen Freund und Kollegen Hartmut einen Wahnsinnigen nennen? Wegen vieler typischen Anekdoten. Während seiner Tätigkeit bei der WM 2002 in Japan/Südkorea flog er für einen Tag von Tokio nach Memphis in den USA, um über den Box-WM-Fight zwischen Lennox Lewis und Mike Tyson zu berichten. Das Leben unter Starkstrom blieb nicht ohne Folgen. 2004 erlitt er einen Burnout, eine tiefe Depression. Die Gedanken spielten verrückt, die körperliche Energie war aufgebraucht. Das Bett wurde sein neuer Zufluchtsort, das Nichtstun seine neue Beschäftigung. Nach der Genesung zog er Konsequenzen. Keine 50 000 Kilometer mehr im Jahr mit dem Auto. Loslassen, kürzertreten, Stress vermeiden, Gelassenheit lernen. Die Antidepressiva nicht absetzen, um einen Rückfall zu vermeiden: „Ich bin, wenn man so will, tablettenabhängig.“ Die wirren Gedanken kamen nie wieder.
Heute erinnert er sich am liebsten an zwei Sportgrößen, die ihn als Freund bezeichneten: Franz Beckenbauer und Muhammad Ali, den Größtev von allen. Viele Journalisten fühlten sich Franz Beckenbauer nahe, Hartmut Scherzer war ihm sehr nahe. 1966 saß er nach dem verlorenen WM-Finale in Wembley gegen England in der deutschen Kabine neben dem 20jährigen Jung-Star. Sie sprachen nicht über das berühmte Wembley-Tor der Engländer; Franz sprach lieber über sein Duell mit Bobby Charlton: „Ich glaube, ich habe meine Sache gegen Bobby ganz gut gemacht.“
Für seine Freundschaft mit dem Kaiser warf der Journalist alle berufsübliche Distanz über den Haufen. So erfuhr er von Beckenbauer im einem Vier-Augen-Gespräch, wie sehr ihn die „Spiegel“-Berichterstattung über die angeblich gekaufte WM 2006 verletzt hatte. Von diesem Tiefschlag, vermutet Hartmut Scherzer, habe sich der Mann gesundheitlich nie mehr erholt – der Mann, der als Spieler und Trainer Weltmeister wurde und um die halbe Welt reiste, um die WM nach Deutschland zu holen. Hartmut schrieb einen Leserbrief an den „Spiegel“. Das Sommermärchen sei für Deutschland wichtiger gewesen als unbewiesene Vorwürfe. Der Brief wurde nicht abgedruckt.
Auch zwischen Ali und dem deutschen Berichterstatter wurde schon bald aus Distanz eine langjährige Freundschaft. Box-Experte Scherzer hatte sich mit dem Satz Zugang zu Ali verschafft: „Sagt ihm, ich bin der Deutsche mit der Glatze.“ Bei 14 von 61 Ali-Kämpfen saß der Deutsche mit der Glatze am Ring. Auch 1971 beim „Fight of the Century“ gegen Joe Frazier in New York, 1974 beim „Rumble in the Jungle“ gegen George Foreman in Kinshasa oder 1975 beim „Thrilla in Manila“, erneut gegen Frazier.
Hartmut hat Ali oft besucht, mit ihm gesprochen und gelacht. Umso schmerzhafter war es für ihn, den körperlichen Verfall des Champs hautnah mitzuerleben. Trotz seiner Parkinson-Erkrankung aber suchte Ali immer die Öffentlichkeit: „Er brauchte das.“ Sein ureigenes Ali-Kapitel konnte der Journalist im vergangenen Jahr versöhnlich beenden. In Louisville/Kentucky, Alis Geburtsort, besuchte Hartmut Scherzer das Grab des Größten und nahm Abschied: „Ein Geschenk, dass ich das im hohen Alter noch erleben durfte.“
Nun gilt alle Konzentration der bevorstehenden Fußball-WM. Mit fast 88 „brennt“ Hartmut wie eh und je; voller Neugier, was er noch erleben wird. Den legendären Messi will er noch einmal live spielen sehen, seine Tricks und Finten, die atemberaubenden Tore des Argentiniers. Auf Harry Kane ist er gespannt, den er als möglichen Torschützenkönig des Turniers sieht. Und mit geschärfter Aufmerksamkeit wird der journalistische Weltrekordler auf der Pressetribüne Auftritt und Abschneiden der Deutschen verfolgen.
Er wird in jedem Fall bis zum Finale bleiben, auch wenn das DFB-Team vorzeitig abreisen sollte: „Das ist schließlich eine Weltmeisterschaft und keine Deutsche Meisterschaft.“
Von den vielen Auszeichnungen in seinem Berufsleben hebt er den „Jules Rimat Award“ hervor, den er aus Anlass des 100-jährigen Bestehens der FIFA 2004 für 11 WM-Teilnahmen bekam. An die Ehrung vor dem Länderspiel Deutschland-Argentinien am 9. Februar 2005 mit den Ehrengästen Franz Beckenbauer und Uwe Seeler erinnert er sich gerne: „Das war persönlich, das war stilvoll.“ Er erhielt eine kleine Version des „Jules-Rimet-Pokals“ mit namentlicher Plakette, mit Urkunde und persönlicher Würdigung. Und wie Hartmut so tickt, verstand er die Ehrung als Verpflichtung zum Weitermachen. Bis heute.

In seinem 2025 erschienenen Buch Die ersten schwarzen Champions schreibt Scherzer, dass seine Idole „schwarze Ikonen“ seien: Muhammad Ali, Harry Belafonte und Nelson Mandela. Scherzer zitiert Mandela, um sein Credo zu verdeutlichen: „Der Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern. Er ist mächtiger als Regierungen.“
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