
Auch nach Messis sechs Toren in den ersten drei WM-Spielen, trotz seines Status` als WM-Rekordtorjäger: Es gibt in Argentinien neben Politik und Wirtschaft unverändert ein drittes Thema, das man an einem „Asado“, beim traditionellen Grillen, lieber vermeidet: Die Frage, wer größer war und ist, Diego oder Leo? Man riskiert dabei nicht nur den Abend, sondern unter Umständen auch die Freundschaft. Ich sage das ohne Übertreibung. Ich habe es erlebt.
Und doch lässt sich die Frage nicht umgehen. Also: Wer hat die Nase vorn in der Popularität? Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an, wen man fragt — und nicht nur, wann er geboren wurde, sondern auch, was er politisch glaubt.
Wer über fünfzig ist, hat Maradona erlebt: das Mexiko 1986, die Hand Gottes, das Jahrhunderttor gegen England, den Weltmeistertitel in einem Moment, als das Land noch blutete — vier Jahre nach den Malvinas, dem verlorenen Falkland-Krieg gegen Großbritannien. Diego schlug nicht nur England auf dem Platz. Er schlug es stellvertretend für ein ganzes Volk, das eine Niederlage nicht verdaut hatte. Diese Generation wird niemals jemanden über Maradona stellen. Das ist keine Meinung. Das ist Glaubenssache.
Die Jüngeren dagegen, unter dreißig, manchmal auch unter vierzig, haben Diego vor allem als Mythos gekannt, als Legende in Sepia. Messi hingegen haben sie wachsen sehen, scheitern sehen, leiden sehen und 2022 in Katar endlich triumphieren sehen. Für sie ist Leo der Größte.
Doch die Generationenfrage erklärt nur die Hälfte der Spaltung. Die andere Hälfte ist politischer Natur — und in Argentinien sind die beiden kaum zu trennen.
Die politische Dimension: Links wählt Diego, Rechts wählt Leo
Diego Armando Maradona war nicht nur ein Fußballspieler. Er war ein politisches Symbol. Er trug das Gesicht Che Guevaras und Fidel Castros tätowiert auf seinem Körper, und er tat das mit dem gleichen Stolz, mit dem er Tore schoss. Er umarmte Hugo Chávez und Evo Morales auf offener Bühne. Er nannte George W. Bush einen Mörder. Er war laut, ungefiltert, links — und er meinte es ernst.
In Argentinien, wo die politischen Gräben tiefer sind als irgendwo sonst in Lateinamerika, hat das Konsequenzen für die Fußballdebatte. Es gibt kaum einen überzeugten Linken, der Messi vorzieht. Und kaum einen Mitte-Rechts-Wähler, der Diego über Leo stellt. Das ist natürlich eine Vereinfachung, aber sie trifft den Kern. Maradona war der Spieler der Descamisados, der Vergessenen, der Villeros aus Villa Fiorito. Er war einer von ihnen, und er vergaß es nie. Messi dagegen verkauft Luxusuhren und spielt in Miami. Für manche Argentinier links der Mitte ist das Verrat.
Andersherum: Wer Messi bevorzugt, bevorzugt oft den Professionalismus, die Disziplin, die Stille des Erfolgs. Das sind Werte, die sich quer durch das politische Spektrum verteilen, aber rechts der Mitte deutlich stärker vertreten sind. In einem Land, das seit Jahrzehnten im Clinch mit sich selbst liegt, ist auch der GOAT-Streit ein Kulturkampf.
Warum ich mich für Messi entscheide — und warum ich dafür in Argentinien Mut brauche
Ich bin Jahrgang 1960. Das bedeutet: Ich war sechsundzwanzig, als Maradona in Mexiko meine Welt veränderte. Ich stand vor dem Fernseher und habe aus reiner Freude und tiefem Unglauben geweint. Und trotzdem — oder vielleicht genau deswegen — werde ich jetzt etwas sagen, was mir in Córdoba oder Buenos Aires nicht immer Applaus einbringt: Ich wähle Messi.
Nicht weil ich Diego nicht liebe. Sondern weil ich Professionalismus über emotionale Magie stelle, wenn ich klar sehen will. Messi ist der vollkommenere Spieler, technisch, taktisch, konditionell. Statistisch ist der Vergleich eigentlich absurd: die Tore, die Vorlagen, acht (!) Ballons d'Or, die Champions League, die „Copas América“, die Weltmeisterschaft 2022. Er hat ein Leben seinem Handwerk geopfert, für das er die Füße bevorzugte. Mit einer Disziplin, die keine Ausreden kennt und keinen Skandal braucht.

Diego war ein Phänomen. Aber Phänomene sind auch zerstörerisch. Maradona hat sich selbst aufgerieben, und Argentinien hat mitgelitten, mit echter, tiefer Liebe, aber auch mit einer Art kollektiver Mitschuld. Man hat ihn nicht geschützt. Man hat seinen Exzessen zugejubelt, weil sie so herrlich argentinisch waren: laut, übertrieben, selbstdestruktiv, poetisch. Messi dagegen hat bewiesen, dass man Größe auch ohne Tragödie erreichen kann. Das ist, glaube ich, die bessere Botschaft.
Ich weiß, dass viele meiner Landsleute anderer Meinung sind. Und ich respektiere das. Sofern man das Asado genießt und kein Messer in der Hand hält.
Der Heilige und der Sünder: Warum Diego bedingungslos geliebt wird
Messi lebt vorbildlich. Er trinkt nicht, raucht nicht. Er ist verheiratet, hat drei Kinder, kommt als Erster zum Training und verlässt das Trainingsgelände als Letzter. Jahrelang haben ihm die Fans genau das vorgeworfen: nicht seine Skandale, sondern ihr Fehlen. Er war ihnen zu kühl, zu distanziert, zu katalanisch.
Diego dagegen hat keinen Skandal ausgelassen. Kokain, Übergewicht, bizarre Freundschaften, Affären, ein körperlicher und seelischer Verfall, der einem das Herz brach. Und trotzdem — oder vielleicht genau deswegen — hat Argentinien ihn bedingungslos geliebt. Der Grund ist komplizierter, als man vermuten könnte. Diego war der „pibe de oro“ (der Goldjunge) aus dem Armutsquartier Villa Fiorito. Er wurde reich, berühmt, verehrt — und er zerbrach daran. Das kennen die Argentinier. Mit ihm hat ein Volk gelitten, gebetet und gezittert. Das schweißt zusammen, mehr als jeder Titel es könnte.
Messi hatte diese emotionale Hypothek nie. Er wuchs in Rosario auf, ja. Aber er formte sich in Barcelona. Die Argentinier haben ihn lange auf Distanz gehalten. Bis Katar 2022. Bis zu jenem Finale gegen Frankreich, das das Herz stillstehen ließ. Danach war Leo endlich einer der ihren. Ganz und gar.
Instagram vs. Nostalgie: Wie der Algorithmus die Debatte verschiebt
Es gibt eine Dimension dieser Debatte, die selten offen ausgesprochen wird: das Marketing. Messi ist heute eines der am besten vermarkteten Sportgesichter der Welt. Adidas, Pepsi, Louis Vuitton, Inter Miami. Sein Image ist makellos kuratiert, global distribuiert, permanent aktuell. In den sozialen Netzwerken dominiert er den Algorithmus schlicht durch Präsenz: Er spielt noch, er trifft noch, er postet noch.
Maradona ist tot. Es klingt brutal, aber es ist eine digitale Realität: Wer auf Instagram nicht mehr auftaucht, verliert schrittweise den Anschluss an die jeweils nächste Generation. Die Plattformen bevorzugen das Aktuelle, das Unmittelbare, das Teilbare. Diegos Erbe lebt in YouTube-Zusammenschnitten und in der Erinnerung derer, die dabei waren. Das ist nicht wenig, aber ein struktureller Nachteil gegenüber einem lebenden Spieler, der – wie gegen Österreich – jederzeit neue Inhalte produziert.
Was dabei passiert, ist eine schleichende Verschiebung: Die Maradona-Anhänger werden, unfreiwillig und unbemerkt, in jene Schublade gedrängt, in der Argentinien seine großen Vergangenheiten aufbewahrt: die Tango-Nostalgie, die Sepia-Fotos, die Legenden, die man verehrt, ohne sie wirklich zu kennen. Diego wird zu einem Astor Piazzolla des Fußballs — unsterblich, bewundert, und zunehmend von denen konsumiert, die das Original nie erlebt haben.
Das ist keine Abwertung. Piazzolla, Bandoneon-Spieler und Begründer des Tango Nuevo, ist großartig. Aber es ist eine andere Art von Größe als die, die man jeden Samstag auf dem Bildschirm sieht. Ob das gerecht ist, ist eine andere Frage. Die sozialen Netzwerke fragen nicht nach Gerechtigkeit.
Diegos Tod und die Ärzte — eine offene Wunde
Am 25. November 2020 starb Diego Armando Maradona in seinem Haus in Tigre, nördlich von Buenos Aires. Er war sechzig Jahre alt. Argentinien stand still.
Was danach kam, war schmerzhaft auf eine andere Art: Die Ermittlungen ergaben, dass sein behandelnder Arzt, Leopoldo Luque, und mehrere weitere Mitglieder des medizinischen Teams möglicherweise grob fahrlässig gehandelt hatten. Lücken in der Überwachung, fehlende Dokumentation, Versäumnisse bei der Nachsorge nach einer Hirnoperation. Der Prozess läuft noch.
Wie gehen die Fans damit um? Zwiegespalten. Der Zorn ist real; "Sie haben ihn umgebracht" ist ein Satz, den man in Buenos Aires noch heute hört, in Bars, in Taxis, auf der Straße. Dieser Zorn hat seine Berechtigung. Wer einem Patienten in so fragiler Verfassung nicht die gebotene Sorgfalt schenkt, trägt Verantwortung.
Aber Diego selbst? Bleibt unantastbar. Kein Prozess, kein Gutachten, keine enthüllte Akte wird seine Größe schmälern. Die Argentinier trennen das sehr sauber: Die Ärzte mögen schuldig sein. Diego ist heilig. Das ist keine Logik. Das ist Folklore. Und das meine ich ohne jeden Spott.
Messi mit bald 39 — und was die Fans von dieser WM erwarten
Lionel Messi wird am Mittwoch, am 24. Juni, neununddreißig Jahre alt, mitten in der aktuellen WM. Für fast jeden anderen Spieler wäre die Zahl der Beweis, dass die Zeit gekommen ist, das Trikot zu übergeben. Bei Messi zählen die Argentinier anders.
Er ist noch da. Er spielt. Und er trifft – gleich fünf Mal in den ersten beiden Spielen, womit Leo nun mit 18 Treffern den WM-Rekord von Miro Klose (16) übertraf. Bei Inter Miami zeigt er immer noch Momente, die einen verstummen lassen. Die Beine mögen langsamer sein — der Kopf, das Auge, der erste Kontakt, die Präzision: unverändert. Argentinien glaubt an ihn, weil es an ihn glauben will. Das ist keine naive Hoffnung. Das ist die Loyalität einer Nation gegenüber dem Mann, der ihr 2022 geschenkt hat, was sie sich sechsunddreißig Jahre lang gewünscht hatte.
Von der Mannschaft erwarten die Fans mehr. Das Team ist jung, hungrig, talentiert. Lautaro Martínez, Julián Álvarez, Enzo Fernández, Cristian Romero: sie tragen nicht nur die Trikots, sie tragen den Anspruch des Titelverteidigers. Argentinien glaubt, dass es auch ohne Messi gewinnen kann. Es hofft nur, dass es das nicht beweisen muss.
Als Titelverteidiger geht man mit einem eigentümlichen Gefühl in ein Turnier: der Druck ist größer, der Hunger kleiner, zumindest bei einigen. Wir haben das 1990 erlebt: Vize, nach dem Triumph von 1986. Man darf nicht satt werden. Trainer Scaloni weiß das. Die Spieler wissen es. Die Fans auch.
Und am Ende des Tages, wenn der Asado erkaltet und die Debatte verstummt, bleibt eine Wahrheit, die alle Argentinier teilen: Dieses Land hatte das Glück, zwei außerordentliche Spieler hervorzubringen, die in keiner rationalen Rangordnung miteinander verglichen werden sollten. Maradona war ein Sturm. Messi ist ein Fluss. Der Sturm ist vergangen; seine Energie lebt in der Nostalgie weiter, mit aller Schönheit und aller Melancholie, die das Wort bedeutet. Der Fluss fließt noch. Das ist ein Privileg, das wir genießen sollten, bevor auch er ins Meer mündet.
ZUM AUTOR
Mariano Mirotti (66) ist Rechtsanwalt und Unternehmer in Buenos Aires. Zu den Themen Energie, Infrastruktur und internationale Transaktionen berät er Investoren in ganz Lateinamerika. Aufgewachsen in einer Familie, in der Rugby und Fußball Pflichtfächer waren, verfolgt er den argentinischen Fußball seit seiner Kindheit. Mit dem Herzen eines Fans und dem Verstand eines Anwalts, der weiß, dass man beides manchmal ausschalten muss, um den Schiedsrichter nicht zu beschimpfen.
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