„Kritisiere dein Team nach einem Sieg nie öffentlich“, lautet ein ungeschriebenes Gesetzt für Trainer im englischen Fußball. Was macht Tuchel? Nach dem Sieg gegen Norwegen, nach dem Einzug ins WM-Halbfinale wirft er seiner englischen Mannschaft vor: „Zu schlampig, zu langsam, zu viele technische Fehler.“ Wir sehen: Der aktuelle Tuchel ist dem jungen Thomas treu geblieben.  

Erfolg ist im Fußball das beste und oft einzige Mittel, um Vorurteile und Kritik in ihr Gegenteil zu verkehren. Nicht so in England, im Mutterland dieses Sports. „Ich träume davon, dass England Weltmeister wird“, schrieb ein Fan auf Facebook noch während des laufenden Turniers, „aber bitte nicht mit einem deutschen Trainer.“ Wenn es um die Nationalmannschaft geht, sind die Briten ungewohnt sensibel und aus Frust anspruchsvoll. Schließlich wartet ihr Land seit genau 60 Jahren auf den zweiten Weltmeistertitel.  

Dass Tuchel mit dem FC Chelsea bereits die Champions League gewonnen hatte, schmälerte die Skepsis zum Amtsantritt in nationaler Funktion kaum. Auch wenn die Vorurteile nicht ganz so stark waren wie seinerzeit, als Englands Verband den Schweden Sven-Göran Eriksson zum Nationaltrainer berief und die Boulevardmedien klagten: „Jetzt brauchen wir schon einen Trainer aus dem Land der Hammerwerfer!“

Spätestens als Tuchel bei der Auswahl seines 26-köpfigen WM-Kaders auf etablierte Größen wie Trent Alexander-Arnold oder Harry Maguire verzichtete, war er zum Erfolg verdammt. Doch Tuchel wäre nicht Tuchel, hätte er sich darüber Gedanken gemacht. Durch seine gesamte Trainerkarriere zieht sich eine Mischung aus Selbstvertrauen und Eigensinn, die nicht bei allen Arbeitgebern auf Gegenliebe stieß. Vor allem, wenn dort ähnlich kompakte Egos regierten. Das Verhältnis zwischen Tuchel und dem FC Bayern München zum Beispiel war von Beginn an angespannt und von sportlicher Erfolglosigkeit und grundlegenden atmosphärischen Differenzen geprägt; die Zusammenarbeit endete vorzeitig.

Auch wenn Tuchel mittlerweile häufiger zu lächeln scheint als früher, hat er seine Linie keineswegs verlassen. Er bürstet gerne gegen den Strich, wie er auch nach dem Einzug seiner Schützlinge ins WM-Halbfinale wieder zeigte. Er mischte Lob mit heftiger Kritik. Da er alles mit Absicht tut, dürfen wir davon ausgehen, dass er mit seinen Anmerkungen in der Euphorie einen Reizpunkt setzen und die Fokussierung aufs nächste Spiel schärfen wollte.

Das gelang ihm auch. Weil die Medien, immer scharf auf Kontroversen, den Ball verlässlich aufnahmen und auf einen irritierten Matchwinner Jude Bellingham weiterspielten. „Vielleicht hat der Trainer noch nie unter solchen Bedingungen gespielt“, sagte Bellingham. Wer daraus einen Konflikt zwischen Trainer und Team konstruieren möchte, unterschätzt das Binnenverhältnis beider Seiten. Tuchel hat inzwischen nicht nur seine Spieler hinter sich versammelt, sondern auch die meisten Fans.

Großartiger Trainer, schwieriger Mensch: so denkt ein Teil der Fußball-Branche noch immer über Thomas Tuchel.

War er eigentlich schon immer der eigenwillige Fußball-Querdenker, der mit Pep Guardiola zu dessen Münchener Zeit in Schumann`s Bar mit Sekt- und Weingläsern, mit Salz- und Pfefferstreuern Abwehrreihen verschob? Tuchel wirkt, wie Guardiola, oft wie ein Freak. Tag und Nacht über Fußball grübelnd, sehr von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt, mit einer manchmal grotesken oder auch  furchterregenden Mimik und in der Kommunikation ungeeignet für jeden diplomatischen Dienst. Fußball ist für beide Trainer in erster Linie Kopfsache, Schach mit Ball.

TV-Experte Mats Hummels war in der Saison 2015/16 in Dortmund Spieler unter Tuchel und sagt im Rückblick: „Bis dahin hatte ich in meiner Karriere keinen Trainer, der eine so klare Idee vom offensiven Fußball hatte und davon, wie er Spieler individuell verbessern konnte. Ich kann wirklich einige Spiele aufzählen, die er mit seiner Idee entschieden hat.“ Gibt es ein präziseres Lob für die Fähigkeiten eines Trainers?

Selbst die Vorurteile gegen den deutschen Trainer bröckeln jetzt in England, wenn sogar die gemeinhin scharfzüngige Kolumnistin Julie Burchill bekennt: „Thomas Tuchel hat das Unmögliche geschafft: er hat mich dazu gebracht, die Deutschen zu lieben.“

Und nun empfehle ich, Dir 38 Minuten Zeit für einen faszinierenden Vortrag zu nehmen, den Tuchel vor Führungskräften aus der Wirtschaft hielt, als er noch beim FSV Mainz 05 unter Vertrag stand. „Ausbruch aus den Routinen“ nannte er seine Ausführungen, in denen er auch über in ganz Deutschland verkrustete Denkmuster sprach. Wer sich dem Tuchel von heute nähern will, muss sich den Tuchel von damals anschauen: