
Und schon ging es um alles. Sechzehntelfinale. Brasilien gegen Japan. Endlich K.o.-Runde. Überstanden. Temporäre Ruhe im Hause Klemm nahe Rio de Janeiro. Die WM geht weiter, für meine Familie. Für mich auch, aber eingeschränkt. Meinem deutschen Gemüt geht die Heiterkeit gerade ein wenig aus. All das ist nicht voneinander zu trennen, wenn ein Germane nach Brasilien auswandert.
An einem Tag wie Montag, wenn nicht nur Brasilien im Einsatz ist, sondern auch Deutschland, spielen wir in meiner Wahlheimat Ball paradox. Schauen wir das Spiel mit DFB-Beteiligung, trägt meine Frau Regina ein deutsches Trikot, ein legendäres, das sie nur bei besonderen Anlässen aus dem Schrank holt; ich hingegen streife mir in Ermangelung eines Schland-Gewandes das leuchtend gelbe Prunkstück der Seleção Brasileiraüber, seit Peles Zeiten in aller Welt berühmt. Verkehrte Welt unter unserem Dach, aber wir befinden uns in Brasilien.
Ich habe Regina als kicker-Mitarbeiterin bei der WM 2014 kennengelernt, im Dezember 2015 haben wir geheiratet. Meine Frau ist mehr als fußballaffin. Wie alle Brasilianerinnen und Brasilianer fiebert sie mit der Seleção, der Auswahl, auf die ihr ganzes Lamd so stolz ist, solange sie halt gewinnt. Wenn sie verliert, zum Beispiel 1:7 gegen die deutsche Mannschaft, kann Regina die Leistung der Deutschen durchaus anerkennen und würdigen. Sie fühlte sich gar animiert, sich genau das rot-schwarz-quergestreifte Jersey zu wünschen, in dem die Löw-Schützlinge den brasilianischen Gastgebern in Belo Horizonte eine traumatische Erfahrung verpasst haben. Regina führte zwei Gründe an. In ihrem mehr als siebenjährigen Aufenthalt in Niedersachsen war ihre Liebe zu Deutschland entflammt. Zudem ist sie eine Flamenguista, eine von Kindheit an glühende Supporterin des Klubs Flamengo Rio de Janeiro, der in rot-schwarz-quergestreiften Trikots spielt.
Doch das historische deutsche Hemd war einfach nicht aufzutreiben. Ausverkauft überall, in einschlägigen Geschäften sowieso, jedoch auch im weltweiten Netz. Zum Glück gab es Armin, den Freund aus Edemissen in Niedersachsen, der uns besucht hat in Brasilien. Er recherchierte und trieb das DFB-Flamengo-Shirt dann doch im Internet auf, kaufte es zu einem stolzen Preis und schenkte es meiner Frau als Dankeschön für ihre Gastfreundschaft.
Regina war überglücklich; seitdem trägt sie es bei diversen Ereignissen mit deutschem Bezug. Wie bei unserer Willkommensparty mit deutschem Bier und Kartoffelsalat, mit Currywurst und Eisbein im Appartementhaus an der Küstenlinie in Piratininga, einem Vorort von Niteroi, der Halbmillionenstadt auf der anderen Seite der Guanabara-Bucht, die der Metropole Rio zusätzliches Flair verleiht. Sie trug das gute Stück auch bei der ersten deutschen Partie gegen den WM-Neuling Curaçao, die fast schon kitschig endete: 7:1, wie 2014. Wir genossen das Spiel mit Freunden aus Florianopolis, die den Zuckerhut besichtigten und die Klemms besuchten.
Doch das Erlebnis im Heimkino bleibt die Ausnahme. Es macht einfach mehr Spaß, Fußball im Kreis der Familie oder in noch größerer Gemeinschaft zu genießen. In einem boteco, einer typischen Kneipe, oder in einem wie auch immer gearteten Club potenziert sich das Sehvergnügen, weil die in Fußball vernarrten Brasilianer ihren Emotionen freien Lauf lassen. Sie feiern das Spiel und sich selbst, immer begleitet von reichlich Speis` und Trank. Beim obligatorischen Churassco, beim Grillen, wird niemand verhungern. Verdursten schon gar nicht, weil eisgekühltes Bier in Mengen einfach dazugehört. Summasumarum: Stimmung und Lautstärke simulieren die Atmosphäre der Kurven in den Stadien dieser Welt.
Brasiliens Auftaktspiel gegen Marokko sahen wir in der Wohnung von Camila, meiner Stieftochter, dem jüngsten der vier Kinder Reginas. Camila und ihr Mann Lucas hatten eingeladen, auch die Eltern und die Schwester von Lucas samt Anhang waren anwesend. In solchen Momenten ruht die Rivalität in der Familie, die ich mitgeheiratet habe. Camila und Lucas sind Vascainos, Anhänger des Traditionsklubs Vasco da Gama. Und Antonio, ihr bezaubernder Sohn, mein geliebter, bald zweijähriger Enkel, ist es von Geburt an auch. „Waskuuuh, Waskuuuh“, ruft er schon mal und feuert jeden Fußballer an, den er im Fernsehen sieht.

Roberto, der Vater von Lucas, favorisiert Botafogo Rio. Wie schon erwähnt: Regina ist Flamengo treu, ich bin es übrigens auch. Andere Mitglieder der Großfamilie sind Feuer und Flamme für Fluminense. Kreuz und quer durchs Angebot in der brasilianischen Metropole - eine Vereinsliebe, die nur bei Länderspielen keine Rolle spielt. Dann sind alle vereint im Motto: Força Brasil! Auf geht`s, Brasilien! Sei stark!

Das zweite WM-Spiel der Brasilianer sah ich im Kreis neuer Sportkollegen, im Clube Espanhol. Seit geraumer Zeit versuche ich mich im Pickleball, der Lightversion des Paddeltennis, die aus den Vereinigten Staaten importiert wurde und in meiner Wahlheimat rasant zum Breitensport heranwuchs. Nach den Spielen wechselten wir alle zum XXL-Bildschirm.
Denn Fußball bleibt natürlich die Nummer eins. Wer möchte, kann täglich Spiele schauen, mehrere am Stück von morgens bis abends. „Brasileirao“, die Liga mit 20 Vereinen, die „Copa Brasil“ sowie die „Copa Libertadores“ und „Copa Sulamericana“, die internationalen Wettbewerbe Südamerikas. Englische Wochen sind die Regel. Dazu kommt der Spitzenfußball aus Europa, viel England und Spanien, auch aus Frankreich und Italien. Und selbstverständlich wird auch die Bundesliga übertragen. Die TV-Sender zeigen permanent zahllose jogos. Ich sehe mehr fern als zuvor in meiner alten Heimat, obwohl ich gezielt auswähle, welche Übertragungen sich für mich lohnen. Stundenlang vor dem Bildschirm zu hocken, fördert weder die Gesundheit noch das Familienleben.

Bei der Copa do Mundo gucken wir uns natürlich alle Begegnungen an. Dass WM ist, bemerkt man immer und überall. In den Communidades, wie die Favelas nun ein wenig eleganter genannt werden, ist es Tradition, die Straßen mit Girlanden in den Landesfarben zu schmücken und anzumalen, mit dem Motto der aktuellen Kampagne: Rumo ao Hexa. Auf dem Weg zum Hexa, zum sechsten WM-Titel.
Denn den fordern die hiesigen Fußballfans von ihren Ballzauberern. Getrieben von einer Sehnsucht, die seit 24 Jahren unerfüllt geblieben ist. 2002 in Japan mit dem Finalsieg gegen die von Rudi Völler betreute deutsche Auswahl ist halt schon recht lange her - zu lange für den Geschmack der erfolgsverwöhnten Brasilianer.
Niemand muss in den Spielkalender dieser Drei-Länder-WM in den USA, Kanada und Mexiko schauen, um zu wissen, wann die Seleção spielt. Das Straßenbild verrät es, die Kleidung der Menschen signalisiert es. Der Brasilianer liebt es, am Spieltag das Nationaltrikot zu tragen, auch im Büro, auch unter dem Jackett. Der Verkehr, gemeinhin abenteuerlich, nervenaufreibend und kaum zu meistern, pendelt sich auf Dimensionen ein, die ich als Deutscher als normal bezeichne.

In diesen Tagen nimmt der der Volkssport Fußball alle im Land in Geiselhaft. Selbst die, die sonst eher andere Steckenpferde bevorzugen. Den Reizpunkt in allen Diskussionen setzt ein gewisser Neymar. Der in die Jahre gekommene Volksheld, einst in den Spuren von Pelé, von Zico, Ronaldo, Ronaldinho und Romario verortet und heute noch immer der Unvollendete, spaltet die Nation. Seine Berufung in den WM-Kader provozierte ein zwiespältiges Echo: Pro die eine Hälfte, contra die andere. Ein Meinungsbild, das, vereinfacht formuliert, auch im politischen Spektrum vorhanden ist, wo das simple Rechts-Links-Schema im Gegensatz zu Europa noch Gültigkeit hat.

Mir fällt immer wieder auf, dass die Diskussionen und Gespräche, die Kontroversen und Konflikte hier mit besonderem Eifer und einer immensen Intensität ablaufen. Passend zur lateinamerikanischen Mentalität geht es leidenschaftlich zu, immer verbissen und engagiert, immer mit Herzblut und feurig.
Ich habe mich an diese stürmische Gangart gewöhnt. Nur anfangs kam sie mir ein wenig fremd vor, in den ersten Jahren nach 2014, als ich mindestens einmal im Jahr das Land besuchte und erlebte. Zunächst nur für drei bis vier Wochen, nach meiner Pensionierung für drei bis vier Monate am Stück, in anstrengenden Covid-Zeiten gezwungenermaßen sogar mehr als ein halbes Jahr. Im November 2023 bin ich ausgewandert. Ich liebe dieses Land, ich liebe meine Wahlheimat, ich liebe Brasilien.
Auf seine Eigenarten habe ich mich eingestellt. Ich denke, ich habe im Lauf der Zeit sogar ein wenig von der Lockerheit und Leichtigkeit übernommen, wie wir sie auch aus dem Süden Europas kennen. Alles kommt mir hier einfacher vor, gelassener und gemütlicher. Bermuda-Shorts, T-Shirt und Havaianas, die Badelatschen aus Gummi mit dem Stift zwischen den Zehen: so sieht der gängige Dresscode aus. Das Leben spielt sich weitgehend draußen ab, am Strand vorzugsweise oder in den Straßen mit vielen Bars und Cafés, den bevorzugten Treffpunkten. Ich habe mich längst eingelebt, mein Körper hat sich ans Klima angepasst. Im Herbst oder jetzt im kalendarischen Winter, wenn das Thermometer mal bis auf 20 Grad fällt, was selten der Fall ist, leide ich wie die Einheimischen. Ich friere und greife zu langer Hose, festen Turnschuhen sowie Pullover oder Jacke bei Aktivitäten an frischer Luft.
Nein, ich habe meine Auswanderung nie bereut. Das Kuriosum: Bei meiner Frau, die inzwischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, scheint die Sehnsucht nach Deutschland ausgeprägter als bei mir. Ich vermisse eigentlich nur zwei Sachen: das Golfspielen und frischen Spargel.
Das Golfen habe ich in der alten Heimat passioniert betrieben, drei- bis viermal in der Woche. Doch in Brasilien ist Golf nicht so verbreitet, weniger gefragt, weniger populär. Mir bleibt nur, hin und wieder auf dem olympischen Kurs in Barra da Tijuca abzuschlagen, die beiden anderen Plätze sind in privater Hand und nicht zugänglich. Doch die Anfahrt quer durch Rios Straßenschluchten zum olympischen Kurs kann sich bis zu zwei Stunden ziehen. Die Konsequenz: Ich stehe, wenn überhaupt, nur alle zwei, drei Monate am Abschlag.
Und die kulinarische Köstlichkeit Spargel ist hier noch seltener zu finden als Golfanlagen. Eine der führenden Agrarnationen der Welt baut in Mengen Sojabohnen, Zuckerrohr und Kaffee an, doch leider nicht das so köstliche Gemüse. Allenfalls grüner Spargel kommt mal auf den Tisch, in gebratener Form als kleine Beilage, eingeflogen aus der Ferne und beim Transport gereift. Die weiße, konservierte Variante aus dem Glas schmeckt wie abgestandenes Mineralwasser.
Also kein Golf, also kein Spargel. Minuspunkte, die die Gesamtnote kaum verschlechtern. Der Verzicht auf beides lässt sich verschmerzen, macht das Dasein in Brasil nicht weniger lebenswert.
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